Lesestoff 2019

Schon jetzt habe ich dieses Jahr mehr Bücher gelesen als in jedem anderen Jahr meines Lebens, fast doppelt so viel wie der bisherige Höchstwert. Anfang 2019 hatte ich mir fest vorgenommen, ein gesünderes Schlafpensum einzuhalten. Um das zu schaffen, beende ich seitdem fast jeden Tag mit Lesen im Bett, bis meine Augen schwer werden – es hilft wirklich Wunder, sich früh genug vom Bildschirm zu lösen.1

The Witcher Series, Andrzej Sapkowski

Aktuell lese ich die Witcher-Reihe, nachdem mir das darauf basierende Spiel vor einigen Jahren viel Spaß bereitet hat.2 Der Autor hat mehrere Kurzgeschichten und Romane verfasst, die Kurzgeschichten habe ich bereits durch und beende bald den zweiten Roman. Sie sind nicht überwältigend gut, aber da ich die Charaktere schon kennen und lieben gelernt habe, macht es großen Spaß, noch tiefer in die Welt einzutauchen. (Ich habe sogar angefangen, parallel nochmal das Spiel zu meistern.) Da ich an den weiteren Büchern der Reihe sicher noch das restliche Jahr lesen werde, tippe ich einfach jetzt schon eine kurze Übersicht, was ich 2019 alles gelesen habe.

Inhaltliche Anreißer spare ich mir, die finden sich ja ohnehin hinter den Links.

The Broken Earth Trilogy, N. K. Jemisin

Anfang Januar habe ich mit The Stone Sky noch den letzten Band dieser exzellenten Reihe gelesen. Meiner Meinung nach zurecht mit Preisen überschüttet – eine wirklich faszinierende, untypische Fantasy-Welt mit dystopischen Elementen und sehr intim geschriebenen Charakteren, mit denen man mitfühlen, mitleiden, mitfiebern kann. Teilweise ziemlich aufwühlend, und wie jedes gute Buch hat es mich damit bisweilen in meinen Grundfesten erschüttert. Der Umgang mit der Erzählstruktur hat mir gut gefallen, und nicht nur weil der letzte Band einen fulminanten Abschluss setzt eine klare Empfehlung.

Foundryside (2018), Robert Jackson Bennett

Auf der Suche nach ähnlichen Büchern (grob: klischeearme Fantasy-Welt) wurde mir dieser erste und bislang einzige Teil einer neuen Reihe empfohlen. Die hier gezeichnete Welt gefällt mir sogar noch besser, die Bindung zu den Charakteren ist natürlich noch nicht so stark. Teil 2 hätte schon diesen August erscheinen sollen, wurde dann aber auf 2020 verschoben. Das hat mich härter getroffen, als ich erwartet hätte und ich kann es kaum erwarten, bis es endlich weitergeht.

The Divine Cities Trilogy, Robert Jackson Bennett

Als Ersatz habe ich zu einer abgeschlossenen Reihe desselben Autors gegriffen. So spannend die zugrundeliegende Prämisse dieser Welt auch ist, können Story und Charaktere nicht mit dem Niveau von Foundryside mithalten. Besonders gestört hat mich, dass die Hauptperson wechselt und so die im ersten Band entwickelte Bindung zur Protagonistin einfach über Bord geworfen wird. Im letzten Band ist das zum Glück nicht ganz so stark der Fall, und der ebenso spannende wie dramatische Abschluss lässt die gesamte Reise es letztlich auch wert sein.

Shades of Magic Trilogy, V.E. Schwab

Mit meiner Begeisterung über The Broken Earth und Foundryside hatte ich eine Freundin so lange genervt, bis sie zumindest die abgeschlossene Trilogie gelesen hat. Im Umkehrschluss habe ich dann ihren Tipp befolgt und kann diesen nun weitergeben: Die Welt, die Geschichte, die Charaktere – ein rundum gelungenes Paket. Band 1 fesselt nicht direkt, aber Band 2 und 3 (eher ein großer Band, denn Band 2 hat einen extremen Cliffhanger) bauen toll darauf auf und entwickeln zahllose denkwürdige Momente, die wirklich schön vor dem inneren Auge ausgemalt werden. Verglichen mit dem emotionalen Loch, das The Broken Earth und vor allem The Divine Cities in mir hinterlassen hatten, schließt diese Reihe fast schon mit einem Happy End. Ich mag es zwar, wenn Kunst mich so tief drinnen packt, dass sie derart starke Wirkung entfalten kann, aber es darf gerne auch mal so positiv wie hier sein.

The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy Series, Douglas Adams

Vor etwa zehn Jahren habe ich mich zum ersten Mal hingesetzt und versucht, diesen Klassiker zu lesen. Über zwei Kapitel bin ich nicht hinausgekommen – obwohl es mir sofort gefallen hat. Damals waren meine Lese-Muskeln einfach noch nicht genug trainiert. Eines meiner absoluten Lieblingswortspiele überhaupt kommt direkt aus einem der ersten Kapitel des ersten Bands:

“You’d better be prepared for the jump into hyperspace. It’s unpleasantly like being drunk.”

“What’s so unpleasant about being drunk?”

“You ask a glass of water.”

Vergleichen mit meinem ersten Anlauf habe ich die ganze Reihe diesmal regelrecht verschlungen. Die Bücher sind wirklich so gut wie ihr Ruf – zwar alle nachfolgenden Teile nicht mehr ganz auf der Klasse des Erstlings, aber ausnahmslos lesenswert und voller wundervoller Beobachtungen. Was mich wirklich kalt erwischt hat, war allerdings das absolut zerstörende Ende. Interessanterweise hat Adams selbst wohl gesagt, dass er gerne noch einen sechsten Band schreiben würde, da Band 5 entstanden ist als es ihm selbst nicht gut ging und sich das deutlich auf den Ton darin ausgewirkt hat.

Er selbst hat das leider nicht mehr geschafft, aber Eoin Colfer hat 2009 mit And Another Thing… einen “offiziellen” neuen Abschluss veröffentlicht. Anfangs beeindruckend nah am Stil der ursprünglichen Reihe, aber je länger das Buch ging, desto schlechter wurde es leider. Wo Adams es geschafft hat, all die absurden Details und Hintergründe der von ihm geschaffenen Welt ganz natürlich in Handlung und Lesefluss zu integrieren, stolpert man bei Colfier nach einer Weile andauernd über seitenlange Einschübe, die deplatziert und zu gewollt sind.


Stranger than Fiction

Ganz bewusst enthält die Liste fast nur Belletristik. Viele tolle Menschen haben mir sehr interessant klingende Sachbücher empfohlen. Ich lese aber vor dem Einschlafen nicht nur, damit meine Augen müde werden, sondern damit mein Gehirn eine Pause bekommt. Es ist für mich täglich eine Herausforderung damit umzugehen, was in der Welt schlecht läuft. Gerade wenn ich dann am Ende eines Tages zur Ruhe komme beginnen meine Gedanken oft erst so richtig zu kreisen. Sachbücher zu den Themen, die mich beschäftigen und interessieren, wären da eher Öl aufs Feuer. Stattdessen flüchte ich mich in fremde Welten, darum wohl auch so ein (ungeplanter) starker Fantasy-Fokus. Drei non-fiction-Titel habe ich mir dennoch zu Gemüte geführt:

  • Digital Minimalism: Choosing a Focused Life in a Noisy World von Cal Newport: Wäre wesentlich besser, wenn er seinen Standpunkt (den ich größtenteils richtig und wichtig finde) selbstbewusster vertreten würde. Stattdessen kommen immer und immer wieder irgendwelche Anekdoten von zum Mythos fetischisierten US-Politikern u.ä., die das Gesagte untermauern sollen. Hier wäre weniger mehr gewesen (ha, minimalism-burn!). Kann man lesen, aber ohne großzügiges Skippen schwer erträglich.
  • The Ethical Slut: A Guide to Infinite Sexual Possibilities von Dossie Easton und Catherine A. Liszt: Offenbar bin ich eine noch viel größere Schlampe als ich eh schon dachte, denn viel Neues habe ich aus dem Buch leider nicht mitgenommen. Viele der erzählten Geschichten waren für mich schwer zugänglich, da ich keine Frau mittleren Alters in einer US-Großstadt während der Hippie-Bewegung bin. Lesenswert war es trotzdem, denn die Welt wäre ein besserer Ort, wenn mehr Menschen die darin vertretenen Standpunkte verstehen könnten.
  • Daring Greatly: How the Courage to Be Vulnerable Transforms the Way We Live, Love, Parent, and Lead von Brené Brown: Leider das schlechteste von den dreien, und gleichzeitig das Buch, von dem ich am meisten erwartet hatte. Es fällt mir sehr schwer, mich verletzlich zu zeigen, und ich stehe mir dadurch oft selbst im Weg. Leider bietet das Buch nicht viel mehr als diese Erkenntnis, dass es vielen Leuten so geht und das nicht gut ist – weder gibt es konkrete, anwendbare Ratschläge, noch wird im Detail auf die dahinterliegende Forschung eingegangen. Das Buch kann sich nicht entscheiden, was es genau sein will.

Insgesamt ist das konstante Lesen eine der für mich persönlich erfreulichsten Entwicklungen dieses Jahres und ich habe nicht vor, damit jemals wieder aufzuhören. Über Empfehlungen, egal ob non oder fiction, für das nächste Jahrzehnt freue ich mich. Entweder direkt bei Goodreads oder auf allen anderen möglichen Wegen.


  1. Jaja, Kindle ist auch ein Display, ich weiß. Ganz analog wäre mir lieber, aber ist zu umständlich.
  2. Und auf deren Basis eine (höchstwahrscheinlich zutiefst durchschnittliche) Serienumsetzung bei einem der Streaming-Overlords produziert wurde.