High Dynamic Rage

Letztes Wochenende habe ich einen neuen Monitor mit 4K und High Dynamic Range ausgepackt, aufgebaut, angesteckt, ausprobiert, wieder abgesteckt, abgebaut, eingepackt und direkt am Montag wieder zurückgeschickt. Es handelte sich um den LG 32UL750, ein hochaktuelles Gerät mit exzellenten Eigenschaften – nicht die absolute Oberklasse, aber gehobene Mitteklasse. Der Monitor an sich war auch nicht schlecht, aber nach mehreren Stunden des Probierens und Recherchierens musste ich ernüchtert feststellen, dass HDR am Rechner aktuell noch ziemlich unbrauchbar ist und mehr Ärger als Freude bereitet.

Der neue LG-Monitor auf meinem Schreibtisch

Ich habe schon lange mit mir gerungen, den Schritt zu 4K und HDR zu wagen. Als ich 2015 einen pompösen Fernseher angeschafft hatte, fiel die Entscheidung noch ganz bewusst gegen 4K aus. Mittlerweile gibt es aber genug Material in UHD. In der Zwischenzeit hat sich nicht nur 4K etabliert, sondern auch HDR als der neue heiße Scheiß positioniert. “Das Upgrade auf 4K ist zwar nett, aber kein Vergleich zum Unterschied zwischen SDR und HDR!” heißt es sinngemäß immer. Bahnbrechend, augenöffnend, das muss man gesehen haben!
Vor einigen Monaten hat der Fernseher den Geist aufgegeben, und mein Film- und Serienkonsum haben sich auf den Gaming-Monitor verlagert. Ein Acer XF270HU (144Hz, damit ich in butterweicher Schärfe meine Aerials in Rocket League versemmeln kann), kein 4K, kein HDR.

Nun sollte es aber endlich so weit sein – statt eines neuen Fernsehers einen noch exzellenteren Monitor als bisher. Eine Nummer größer, 4K/UHD statt 1440p/QHD. Mit USB-C, um sogar das neue MacBook direkt mit einem einzigen Kabel anschließen und laden zu können. Und mit HDR! Endlich! Unter macOS sah soweit alles gut aus, auch wenn 32 Zoll mit 4K wirklich viel screen estate sind. Aber – dank Recherche im Vorfeld wusste ich schon Bescheid – HDR gibt es nur über DisplayPort. Also den Gaming-PC hochgefahren. Windows-Einstellungen, Display-Optionen, HDR-Unterstützung aktiviert. Spannung als der Bildschirm kurz schwarz wird, weil der Bildmodus wechselt. Das Bild kehrt zurück… und ist grau verschleiert. Wie ein Bildschirm, der sich aus Stromspargründen kurz vor dem Abschalten noch in den “Ich bin fast aus, beweg mal die Maus wenn du noch da bist”-Modus heruntergefahren hat. Nachdem sich meine Augen neu justiert haben und ich wieder etwas erkenne, sehe ich unter dem “HDR aktivieren”-Schalter noch einen Schieberegler. “Helligkeitseinstellung für SDR-Inhalte”, aktuell komplett am linken Anschlag. Ach, denke ich mir. Natürlich. Windows ist ja nicht HDR, sondern SDR. Klar sieht das jetzt komisch aus. Dann also mal diese Helligkeitseinstellung nachjustieren. Am rechten Anschlag angekommen, strahlt mich ein vollkommen übersättigtes, grelles Monstrum an, wo ich Konturen und Trennlinien nicht mehr wirklich erkenne. Keine Einstellung des Schiebereglers produziert ein brauchbares Bild.1 Aber gut, ich will ja auch nicht Windows in HDR sehen, was solls. An diesen grauen Schleier gewöhnt man sich bestimmt schnell, Windows ist nur kurz Mittel zum Zweck bis ein Spiel oder Film laufen.

Die HDR-Einstellungen in Windows 10

Erstmal zu YouTube, ein paar HDR-Testvideos suchen. Komisch, die sehen gar nicht besonders aus. Kann ich irgendwo prüfen, ob HDR überhaupt funktioniert? Ich begebe mich ins Einstellungsmenü des Monitors. Mit ein wenig Rumprobieren finde ich heraus, dass das beste Indiz für “HDR an/aus” ist, welche Bildmodus-Presets ich in den Bildeinstellungen zur Auswahl angeboten bekomme, da diese Liste davon abhängt, ob HDR aktiv ist oder nicht. Gut, der Monitor ist definitiv im HDR-Modus. Schließlich sieht auch die Windows-UI immer noch aus als wäre Smog über dem Bild. Ich suche im Internet und finde heraus, dass HDR bei YouTube nur in Chrome oder Edge funktioniert. Ich nutze unter Windows immer Chrome… okay, vielleicht mal schauen, ob es ein Update gibt. Nein, Chrome ist die neueste Version. Okay, mal Edge probieren. Siehe da, hier bietet mir YouTube auf einmal HDR zur Wahl an. Die Farben sehen zumindest nicht grau verwaschen aus, aber überwältigen mich auch nicht. Wenn ich auf 4K und HDR stelle, um endlich bahnbrechende, augenöffnende Aufnahmen des Taj Mahal bestaunen zu können, ruckelt das Video alle ein bis zwei Sekunden enorm. Wohlgemerkt, der Rechner hängt per LAN an einer 250Mbit/s-Leitung und kann aktuelle Games in 1440p bei 60fps rendern. Entnervt gebe ich das YouTube-Experiment auf, das Leben ist zu kurz für Googles miserable Produkte.

Weiter im Plan, langfristig geht es mir ja ohnehin primär darum, Filme und Serien in HDR genießen zu können. Ich starte testweise die HDR-Fassung von Planet Earth II.2 Kein Ruckeln, aber das Bild sieht seltsam aus. Zu dunkel. Das kann nicht stimmen, offensichtlich klappt das HDR nicht. Ich wechsle aus dem Vollbild-Modus, um wieder im Browser auf Recherche zu gehen. Die Farben werden prächtig bunt. Oh, denke ich – nur ein wenig verzögert gewesen? Seltsam. Aber cool, das sieht doch schon besser aus. Die Anspannung legt sich, ich mache es mir im Stuhl bequem und richte mich darauf ein, die erste Folge zu schauen – zurück ins Vollbild und los geht’s! Und weg sind die schönen Farben. Irritiert, leicht ungläubig wechsle ich wieder aus dem Vollbildmodus heraus… und die Farben sind wieder da‽

Das hatte ich mir alles irgendwie toller vorgestellt – mit HDR kann ein Monitor mehr Farbumfang darstellen, also sieht das was bisher “normal” ausgesehen hat auf einmal ausgewaschen aus? HDR muss sich immer aufs gesamte Bild beziehen und kann nicht nur einzelne Fenster betreffen? Aber im Vollbild klappt es bei Video dann auch nicht gescheit? HDR muss im Betriebssystem komplett an/aus sein, statt dass bestimmte Applikationen es selbstständig aktivieren können, sobald es sinnvoll/notwendig ist? Puh, ernüchternd. Aber dann erinnere ich mich, gelesen zu haben, dass eines der letzten Windows-Updates den HDR-Support verbessert. Ein kurzer Check ergibt: Dieses Update habe ich bereits. Die Verbesserung ist der oben gezeigte Schieberegler – den gab es davor nicht. Ich beginne ein wenig zu verzweifeln. Wie kann es sein, dass all diese Stolpersteine nie in Reviews zur Sprache kommen? Jedes Mal, als ich im Rahmen dieser Odysee im Internet nach Antworten gesucht habe, waren die Suchergebnisse voll mit “Ja, das ist leider ziemlich schlecht”, “Kannst froh sein dass es mittlerweile wenigstens überhaupt manchmal geht” und ähnlich zuversichtlich stimmenden Kommentaren.3

Nicht gewillt, schon das Handtuch zu werfen, experimentiere ich noch ein paar Stunden weiter, inklusive Windows-Update, Grafiktreiber-Update, doch nochmal YouTube (nach Neustart darf auch Chrome auf einmal HDR abspielen – ruckelt aber genauso) testen. Es folgt eine wilde Installations- und Konfigurationsorgie von MPC-HC-Forks mit angeblich besserem HDR-Support, natürlich inklusive madVR-Renderer. Manchmal gelingt es mir, lokalen Testfiles ihre HDR-Farben zu entlocken. Aber weder begeistern sie mich besonders, noch schaffe ich das Ganze konsistent und komfortabel genug, als dass es zur dauerhaften Lösung taugen könnte. Gegen Ende eines zunehmend frustrierenden Nachmittages schaue ich nach, wie es denn unter macOS mit HDR aussieht und lerne, dass dort erst mit der kommenden Version erstmals überhaupt HDR-Support ein Thema ist, und dann auch nur in der neuen TV-App. Tja. Ich dachte, nach einigen Jahren hätte ich lange genug gewartet, aber ganz offensichtlich bin ich noch deutlich zu früh dran, um an dieser Technologie wirklich Freude haben zu können. An dieser Stelle sei angemerkt, dass das bei Fernsehern anders sein mag – die haben es auch leichter, hier eine bessere User Experience hinzubekommen. Aber ich will keinen Fernseher, sondern einen Monitor, mit dem ich Games und somit auch Windows genauso problemlos betreiben kann wie mein MacBook – in 4K, mit HDR. Das darf auch durchaus etwas kosten, aber ich bin nicht bereit, einen nicht unerheblichen Aufpreis für ein Feature zu bezahlen, das so viel Ärger verursacht.

Somit war des Experiment schnell wieder beendet. Vielleicht sehe ich mich nochmal nach einem guten UHD-Bildschirm ohne HDR um, denn im Gegensatz zur eingangs erwähnten Aussage, dass HDR viel gewichtiger als 4K wäre, ist mir das im Vergleich zum QHD-Screen schärfere Bild unter macOS deutlich positiv aufgefallen.


  1. Ich würde das gerne noch mit Bildern genauer ausführen, aber das lässt sich natürlich nicht in Screenshots abbilden, weil es bei HDR darum geht, wie der Monitor Bildinformationen darstellt. Bei einem Screenshot werden diese Bildinformationen lange vor ihrem Weg durchs Kabel zum Monitor gespeichert und sehen ganz normal aus. Ich hätte Photos machen können, aber auch hier ist es ohne gutes Equipment und Studio-Bedingungen nicht ganz einfach, gut einzufangen, was sich mit dem bloßen Auge sofort sehen lässt.
  2. Sehr sehenswert, probiert’s mal mit Gemütlichkeit!
  3. Einen eher kritischen Bericht habe ich dann auch schnell gefunden, aber die passenden Suchbegriffe erschließen sich einem erst, wenn man in ein Problem nach dem anderen läuft, mit dem man vorher einfach nicht rechnen würde.