Apple Watch Series 4

Auch letztes Jahr wurden meine Hoffnungen enttäuscht, dass Apple endlich wieder ein MacBook vorstellen könnte, das mir zusagt. Stattdessen habe ich nicht nur beide iDevices erneuert, sondern mir nach Jahren des Zögerns und Liebäugelns erstmals auch eine Watch zugelegt. Am 24. September 2018 wurde sie geliefert, ich konnte nun also ein halbes Jahr lang Erfahrungen damit sammeln. Und obwohl ich mir sowohl bei iPhone als auch iPad die jeweilige Königsklasse der neuen Produktreihen gegönnt habe und sie meinen Anforderungen als Sportuhr leider noch nicht ganz gerecht wird: Wenn ich nur eins der drei Gadgets behalten dürfte, wäre es die Uhr.1

Money-Shots.

Allgemeines

Die erste Frage ist meist die nach der Laufzeit. Antwort: Reicht locker. Ich trage die Uhr mittlerweile so 24/7 wie möglich und nehme sie ausschließlich zum Laden ab. Ich bin über Monate hinweg täglich damit Laufen gewesen und habe dabei immer zwischen 40 und 120 Minuten lang GPS und Bluetooth für Podcasts/Musik direkt von der Uhr genutzt. Nachts ist die Uhr im Kino-Modus, damit beim Sleep-Tracking das Display nicht angeht. Geladen wird sie während der Dusche nach dem Sport und dann nochmal ca. eine Stunde kurz bevor/während ich mich fürs Bett vorbereite und solange ich vor dem Schlafen noch lese. Der Akku geht selten unter 40%, meistens bleibt er über 50%. Ich könnte in Notfällen also auch zwei Tage ohne Ladung abdecken.

Sleep-Tracking ist keine offizielle Funktionalität von Apple selbst, stattdessen nutze ich hierzu die App AutoSleep. Nachdem Joe Rogans Podcast-Folge über Schlaf(-mangel) mich vor einigen Monaten in meinen Grundfesten erschüttert hat, habe ich mein Leben radikal von vier bis fünf Stunden auf mindestens sieben, besser acht, Stunden pro Nacht umgestellt.2 Mein größtes Problem war immer das Einschlafen; über diese App und ihre “Lights Off”-Funktion kann ich das nun zumindest quantifizieren: Ich drücke auf der Uhr einen Button, die App merkt sich, dass ich ab diesem Zeitpunkt schlafen wollte und kann mir am kommenden Morgen anhand meiner Bewegungen und Herzfrequenz relativ genau sagen, wie lang es dann noch gedauert hat, bis ich wirklich geschlafen habe. (Neben einer Menge anderer spannender Daten wie Tiefschlafdauer, Unruhephasen und HR-Dip, aber für mich ist das Einschlafen das Killer-Feature beim Sleep-Tracking.) Screenshots der AutoSleep-Watch-App, u.a. mit "Lights Off"-Button.

MacBooks werden ja gerne als “$2000 Facebook machine” verunglimpft. In diesem Sinne könnte ich meine Watch auch als “$500 pasta timer” bezeichnen. Ein bisschen lächerlich, aber a) nutze ich das nahezu jeden Tag und b) ist es einfach so viel praktischer als der Timer am iPhone. Die Uhr ist immer da, wenn ich einen Timer setzen will, das iPhone muss ich oft erst holen. Und egal wie laut es in der Küche/Wohnung gerade ist – wenn der Timer an der Uhr abläuft, bekomme ich es mit.

Es ist im Alltag außerdem sehr praktisch, jederzeit schnell den nächsten anstehenden Termin sehen zu können, Musik auf iPhone und HomePod fernzusteuern und – wer hätte es gedacht – immer sofort die Uhrzeit zu sehen. Tiefer ins Detail was das und andere WatchOS-Feinheiten (z.B. die verschiedenen Ziffernblätter und deren Konfigurierbarkeit) angeht, will ich nicht gehen, das haben andere schon besser gemacht. Termin-Vorschau auf dem Ziffernblatt, Musikfernsteuerung im Detail.

Fitness

Als begeisterter Läufer war der Fitness-Aspekt der Watch für mich immer spannend. Seit 2015 war ich mit einer fenix3-Laufuhr von Garmin unterwegs. Das gute Stück hat immerhin 400 Euro gekostet und mich auf insgesamt 952 sportlichen Aktivitäten und fast 9500 Kilometern begleitet. Es ist keine Smartwatch, aber wenn eine Smartwatch der fenix3 den Platz an meinem Handgelenk während des Sports streitig machen wollte, musste sie im sportlichen Bereich erstmal mit dieser mithalten können. Natürlich ersetzt auch eine Series 4 noch lange keine fenix im Allgemeinen, aber meine Bedürfnisse, wenn es ums Laufen bzw. Sport generell geht, deckt die Watch im Wesentlichen ab.

Für mich war immer klar, dass ich einen Wechsel von meinem bewährten Setup mit der fenix3 für GPS-Tracking und Trainingsdaten, und meinem iPhone für Podcasts/Musik und Navigation/Erreichbarkeit nur dann wagen würde, wenn es ein signifikanter Schritt “in die Zukunft” wäre. Konkret: Wenn ich danach ohne iPhone Laufen gehen kann. Seit die Watch mit der Series 3 selbst über das Mobilfunknetz online gehen kann, war diese Möglichkeit gegeben.3 Und es ist absolut magisch – seit dem ersten iPhone vor über zehn Jahren hat mich nichts mehr so fasziniert wie die ersten Läufe mit der Uhr. Nichts am Armgelenk als dieses winzige Stück Technik, kleiner als eine Streichholzschachtel. Musik und Podcasts kommen wie gewohnt per Bluetooth ins Ohr, mein Lauf wird erfasst; wenn es sein muss, kann ich sogar telefonieren.4 Ohne iPhone im Bauchgurt. What a time to be alive!

Laufen

Eine meiner größten Sorgen war die GPS-Genauigkeit. Ich lege (viel zu) viel Wert auf hübsche und korrekte Aufzeichnungen meiner Routen, außerdem spielt es z.B. bei Intervall-Trainings eine Rolle. Seit dem Vorjahresmodell hatten Testberichte ausreichend gute GPS-Werte bescheinigt; der noch offene Hauptkritikpunkt war eher ein Softwareproblem. GPS ist nicht permanent an, weil es viel Strom braucht. Es dauert aber kurz, bis es nach Aktivierung “guten Empfang hat”. Je nach Stimmung, Wetter und Satellitenpositionen bis zu einer Minute, vorher ist keine genaue Ortung möglich. Das ist ganz normal und betrifft alle gängigen Geräte. Apple ignoriert das – nach dem Start eines Laufs in der offiziellen Workout-App wird für die erste Zeit einfach das ungenaue GPS-Signal genommen und die Uhr muss den initialen “Satelliten-Fix” vornehmen, während sie sich bereits in Bewegung befindet. Dadurch kann es dann sogar mal zwei bis drei Minuten dauern, während derer zwar schon halbwegs brauchbare, aber eben nicht wirklich gute Werte vorliegen. Es gibt in der offiziellen Workout-App keinen Weg, explizit auf “guten Empfang” zu warten. Warum? Weil Apple Apple ist, und offenbar nicht will, dass wir anfangs 30 Sekunden rumstehen und warten müssen. Selbst wenn wir gerne würden. Allein dadurch disqualifiziert sich Apples eigene Workout-App. Mit deren sonstigen Problemen (zu extremes Smoothing des Tracks, mangelnde Anpassbarkeit der Werte im Display, fortgeschrittene Trainings-Programmierung) habe ich mich darum nicht weiter befasst, Details hierzu bringt der DCRainmaker ohnehin besser auf den Punkt.

Einen eigenen GPS-Vergleich hab ich mir natürlich nicht nehmen lassen, die Watch schlägt sich auch an schwierigen Stellen (Tunnel) gut.

GPS-Tracks von fenix3 und Apple Watch im Vergleich.

Schon lang vor meiner ersten Lauf-Uhr bin ich mit iPhone und iSmoothRun gelaufen. Als mit Abstand beste Lauf-App auf der Plattform unterstützt iSmoothRun auch die Watch und löst diese Probleme. Ich kann einstellen, welche Werte ich beim Laufen auf der Uhr sehen möchte, ich kann komplexe Intervall-Trainings o.ä. über die iPhone-App bauen und diese dann auf der Uhr wählen, sodass ich beim Lauf passende Hinweise bekomme. Dieser Bereich ist dennoch eine Schwachstelle, denn insgesamt ist die Experience hier nicht so angenehm wie in der Garmin-Welt. Zum einen ist es wesentlich umständlicher, die Trainingseinheiten in der iSmoothRun-App anzulegen, als das über die Garmin-Website zu tun, zum anderen bietet die Watch-App von iSmoothRun während eines Laufs mit vorher definierten Workout-Schritten noch keine so feingeschliffene UI/UX wie eine Garmin-Uhr. Zu Beginn eines Schritts kommt zwar ein passender Hinweis, bei Garmin wird dann aber in Abhängigkeit des Zielwertes (z.B. ein bestimmter Geschwindigkeitsbereich oder eine maximale HR) der passende Wert mitsamt eventueller Rahmenbedingungen angezeigt, wohingegen iSmoothRun nur die Standardansicht wie bei normalen Läufen bietet.

Das wäre aber alles verkraftbar. Die Software der Watch, sei es die offizielle oder die von Drittentwicklern, wird hier noch große Sprünge machen, ewig hält dieser Vorsprung von Garmin sicher nicht. Und so war ich lange Zeit zufrieden und dachte tatsächlich, dedizierte Sportuhren hinter mir gelassen zu haben. Bis es kalt wurde.

Ich hatte von Anfang an ein wenig Sorge, dass hier ein Problem lauern könnte. Mein iPhone 6 hat sich seinerzeit regelmäßig verabschiedet, wenn es deutlich unter null Grad ging – trotz vollen Akkus hat es behauptet, keinen Saft mehr zu haben. Seit dem iPhone 7 hatte ich allerdings keine Probleme mehr. Und nach insgesamt 40 (!) Läufen bei Minusgraden, davon neun Läufe kälter als minus fünf Grad, waren meine Sorgen bei der Watch dahin. Auch einen Lauf bei minus zehn Grad hat sie geschafft. Und am nächsten Tag, es hatte milde minus drei Grad, hat sie sich – trotz vollen Akkus – ungefähr fünf Minuten vor Ende meines Laufs abgeschaltet. Ich habe mir vorgenommen, im Blog nicht (mehr) zu fluchen, darum ist es schwer, meine Gemütslage dazu adäquat wiederzugeben. Es sollte mir vermutlich egaler sein, aber ich bin nun mal ein Zahlenfanatiker und Statistikfreak, und es versaut mir absolut den Tag, wenn er schon damit beginnt, dass ich sämtliche Daten zu meinem Workout verliere. So sehr mich der Apple-Support von der Experience her begeistert hat5, so ernüchternd war es inhaltlich: Keine Garantie für Funktionalität bei unter null Grad. Es sollte zwar durch die Körperwärme kein Problem sein, und im Internet finden sich genug Statements von Leuten aus Kanada u.ä., die sie täglich bei minus dreißig und kälter im Einsatz haben, aber: Ich laufe auch im Winter jeden Tag bei jedem Wetter, und ich laufe mit Sicherheit nicht mit der Angst im Schlepptau, dass sich meine Uhr jeden Moment verabschieden könnte.

Ich habe noch am selben Tag eine neue Garmin-Uhr (Forerunner 645) bestellt. Die komfortableren Trainingsmöglichkeiten wusste ich schnell wieder zu schätzen. Zwar bin ich enttäuscht, dass die Watch hier für mich noch nicht “ready for prime time” ist, mein erhofftes Ziel erreiche ich dennoch: Laufen gehen ohne iPhone. Ich habe nun einfach beide Uhren dran. Die Watch (im Winter besser eingepackt unterm Ärmel) nur noch für Musik/Podcasts und Erreichbarkeit, und die Garmin fürs Laufen. Klappt gut und fühlt sich immer noch ziemlich nach Zukunft an.

Die Ringe

Als recht ambitionierter Hobbyläufer falle ich vermutlich schon fast aus der Fitness-Zielgruppe der Watch heraus. Zur Starthilfe für Couchpotatoes taugt die Workout-App absolut, und auch die Ringe sind meinem Eindruck nach (zu) sehr auf diese Zielgruppe ausgerichtet. Es gibt drei Stück: Move, Exercise und Stand. Jeder Ring hat einen Zielwert, der jeden Tag erreicht werden soll. Idealerweise schließt man jeden Tag alle drei Ringe, dann gibt es am Ende der Woche eine zusätzliche Auszeichnung, natürlich ebenso für den ganzen Monat und bei speziellen Meilensteinen wie “100 mal”. Verschiedene Screenshots zu den Ringen, u.a. Schließen aller drei Ringe an einem Tag, Schließen eines Rings an jedem Tag der Woche.

Allgemein würde ich mir sehr wünschen, dass es ein Konzept für Krankheit oder andere unverschuldete Versäumnisse gäbe. Wenn ich einen langen Flug habe, dann schaffe ich es vielleicht mal nicht. Klar, das sollte in der Historie der Ringe irgendwie widergespiegelt sein, aber durch den Gamification-Faktor sind diese stark auf tägliches Erfüllen ausgelegt. Daher ist es sehr demotivierend, ohne Verschulden “abgestraft” zu werden. Insbesondere im Krankheitsfall finde ich schlecht, wie sich die Notwendigkeit zur Schonung und der Wunsch nach Zielerreichung konträr gegenüberstehen.

Vor allem aber finde ich bedauerlich, dass Sleep keinen eigenen Ring hat, denn mit genügend Schlaf beginnt die Gesundheit erst so wirklich. Move und Exercise sind sich ohnehin sehr ähnlich, der Raum wäre also da.

Move

Bei Move geht es darum, jeden Tag mindestens eine bestimmte Anzahl an Kalorien zu verbrennen. Diese Anzahl kann man – im Gegensatz zu den Zielvorgaben der anderen beiden Ringe – selbst definieren. Minimum ist 10, also ein bis zweimal Husten, Maximum scheint es keines zu geben (bei 4000 hab ich aufgehört). Zu Beginn jeder Woche schlägt einem die Uhr anhand der Werte aus den vergangenen sieben Tagen einen neuen Wert vor. Verschiedene Move-bezogene Screenshots, u.a. die UI zum Einstellen des Zielwerts.

Nun bin ich mittlerweile einigermaßen sportlich und verbrenne viele Kalorien. Nach der ersten Woche mit der Uhr wurden mir 960 kcal vorgeschlagen, da ich in der Vorwoche einen Tagesschnitt von 961 kcal hatte. Zum Vergleich: 960kcal verbrenne ich bei einem halbwegs entspannten 10K in ca. einer Stunde. Ich habe mich daher stattdessen für ohnehin schon recht hoch angesetzte 750kcal entschieden, schließlich laufe ich nicht an jedem Tag so viel, sondern komme durch einzelne Tage mit viel höheren Werten auf einen hohen Durchschnitt. An einem Tag in der darauffolgenden Woche habe ich die 750 sogar nur knapp geschafft, aber mein Durchschnitt für die gesamten sieben Tage lag bei 995kcal. Also schlägt mir die Uhr als neues Ziel einen Wert über 1000kcal vor. Den ich an jedem einzelnen Tag erreichen müsste. Und das ist einfach absurd. Das Gerät kennt mein Gewicht, meine Größe, meinen Ruhepuls, meine Aktivitäten, und es sollte in der Lage sein, hier realistische (statt beinahe schon gesundheitsschädliche) Ziele vorzuschlagen. Man kann und soll sich nicht jede Woche immer nur stur weiter steigern, man fördert seine Fitness auch nicht durch gleichmäßig verteilte Belastung, sondern durch punktuelle Reize und gezielte Regeneration. Dafür wie sehr Apple den Fitness-Faktor in den Vordergrund stellt, finde es wirklich peinlich, dass hier offenbar dasselbe Onboarding für Couchpotatoes und bereits am Limit trainierende Menschen durchgeführt wird.

Mittlerweile habe ich ein tägliches Ziel von ca. 630kcal festgelegt und ändere es nicht mehr. An Tagen mit kurzen Läufen wird das knapp und motiviert mich somit im Alltag weiterhin immer Treppe statt Aufzug und ähnliche Tricks zu nutzen, und an anderen Tagen komme ich dafür eben öfter mal auf 200% oder mehr Zielerreichung.

Exercise

Auch in dieser Kategorie fehlt mir vor allem Flexibilität, die auf Menschen Rücksicht nimmt, die wissen was sie tun. Das Ziel, das es jeden Tag zu erreichen gilt, sind insgesamt 30 Minuten “körperliche Ertüchtigung”. Das muss kein “offizieller” Workout über irgendeine App sein, sondern wird primär an erhöhter Herzfrequenz festgemacht. Ein hitziges Kicker-Match nach der Mittagspause kann da schon mal ein paar Minuten spenden, ebenso ein etwas flotterer Schritt zur Bushaltestelle.

Wenn ich in einem intensiven Trainingsplan stecke und mein Ruhetag auf ein Wochenende fällt, würde ich mir wünschen, nicht nur wegen des Rings irgendwas tun zu müssen. Mir schaden natürlich dann 30 Minuten Spaziergang nicht, aber sie sind nicht notwendig.
Nicht notwendig ist der Ring meiner Meinung nach leider insgesamt. Mein Move-Ziel ist so hoch, dass es fast nicht möglich ist, so viele Kalorien zu verbrennen, ohne dabei mindestens 30 Minuten Exercise zu haben. Es gibt sicherlich anderes Nutzungsverhalten, aber trotzdem finde ich die beiden Kategorien zu eng miteinander verwandt.

Stand

Zugleich der für mich persönlich sinnvollste und mit weitem Abstand nervigste der drei Ringe. Ziel ist es, mindestens zwölf Stunden nicht komplett sitzend zu verbringen. Sobald man eine Minute am Stück stehend war, wird die aktuelle Stunde gewertet. Sollte man bis zehn Minuten vor Ablauf einer Stunde noch nicht gestanden haben, weist die Uhr darauf hin, dass es an der Zeit wäre, sich kurz die Beine zu vertreten. Die Intention ist klar: Es ist ungesund stundenlang am Stück zu sitzen, und sowohl im Büro als auch zu Hause am Schreibtisch oder auf der Couch vergesse ich oft genug die Zeit. Vor allem am Wochenende hat es mich wirklich erschreckt, wie oft hintereinander ich ohne den Hinweis der Uhr Stunde um Stunde verstreichen hätte lassen, ohne mich zu bewegen. Gleichzeitig hab ich mich gefreut, dass dieser Ring mir tatsächlich helfen wird, eine ungesunde Gewohnheit in Angriff zu nehmen. Soweit also die Theorie. Die Erinnerung, dass man seinen Hintern schütteln soll.

In der Praxis raubt mir der Stand-Ring regelmäßig den Verstand. Es fängt mit dem Detail an, dass die Notification zehn Minuten vor Verstreichen einer Stunde kein eigenes Vibrationsmuster hat und somit nicht von eingehenden Nachrichten und anderem zu unterscheiden ist. Ich lese nicht jede Notification sofort, vor allem wenn ich grade auf anderen Geräten nebenbei in einer Instant-Messenger-Konversation bin und denke, dass die Notifications daher kommen. Es verging kaum ein Tag ohne mindestens eine deshalb verpasste Stunde, denn zehn Minuten sind schneller rum als man denkt. Mittlerweile habe ich mich einigermaßen daran gewöhnt und bin unfassbar obsessiv darin geworden, keine Stunde ungenutzt zu lassen. In der Anfangszeit gab es einige Tage, an denen ich die zwölfte Stunde erst ganz am Ende des Tags erreicht habe. Manchmal sogar, indem ich eine Minute nach 23 Uhr dann nochmal kurz aus dem Bett aufgestanden bin, statt beim Lesen zum Einschlafen gemütlich liegen zu bleiben. Aber Manu, das gibt’s doch gar nicht, bist du wirklich so ein sedimentäres faules Stück?

Tja. Doch, bin ich, aber Nein, natürlich nicht so schlimm. Das größte Problem mit dem Stand-Ring ist die Erkennung, und nur deshalb ist das mit der Notification so nervig – würde die Uhr das Stehen im Alltag einfach ordentlich erkennen, gäbe es zum Erinnern gar keine große Notwendigkeit. Ich habe Verständnis dafür, dass die Technik nicht perfekt ist. Wenn die Uhr mir sagt, dass ich aufstehen soll und ich meinen Schreibtisch in die Höhe fahre, arbeite ich danach – stehend – direkt weiter. In der Regel bedeutet das, dass ich auf meiner Tastatur tippe. Meine Hand liegt also recht still auf dem Schreibtisch. Sie befindet sich zwar höher als zuvor, aber dieser Höhenunterschied reicht in der Regel nicht aus. Stattdessen müsste ich eine Minute lang die Hand baumeln lassen als würde ich spazieren gehen, denn das ist der einzig wirklich zuverlässige Weg, die stehende Minute anerkannt zu bekommen. Es ist mehr als frustrierend, wie sehr die Erkennung auf dieses Bewegungsmuster getrimmt ist.
Was daher funktioniert: Auf der Couch liegen, den Arm mit der Uhr in die Höhe strecken und eine Minute lang rhythmisch leicht kreisen lassen.6 Oder am Rand vom Bett liegen, den Unterarm zur Seite runterhängen und ein bisschen schaukeln lassen. Was nicht funktioniert: Zehn Minuten lang die Spülmaschine ausräumen, 15 Minuten lang die Wäsche aufhängen, währenddessen Kochen. Offenbar ist die Hand dabei nie lang genug in einer passenden Bewegung, obwohl ich offensichtlich fast 30 Minuten stehend und aktiv war, statt meine Krampfadern auf der Couch zu nähren. Das ist unbeschreiblich frustrierend.

Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich schockiert – zu spät – festgestellt habe, dass die Uhr eine Stunde, in der ich mehrmals minutenlang stehend aktiv war, nicht gewertet hat. Über die Tatsache, dass stattdessen manchmal Dinge gewertet werden wie z.B. auf der Toilette sitzend irgendwas am iPhone zu spielen, konnte ich dann auch nur noch verächtlich und entnervt lachen.

Ich bin froh, dass der Stand-Ring mich auf die Problematik des Dauersitzens aufmerksam gemacht hat. Und mittlerweile weiß ich gut genug wie er funktioniert und wie nicht. Ich habe keine Skrupel, den Ring über die kleinen Hacks weiter zu füllen, solang er mich um echtes Stehen bringt, und ich achte darauf, wirklich jede Stunde mal zu stehen. Im Büro ist es mittlerweile zum running gag geworden, dass es mir alle gleichtun, wenn ich zehn Minuten vor Ende einer Stunde den Schreibtisch hochfahre.7

Aber bitte, Apple… das muss besser gehen.

Sharing is Caring

Der Fitness-Kram hat natürlich auch einen sozialen Aspekt. Mit befreundeten Watch-Usern kann man sich verbinden und wird dann gegenseitig über sportliche Aktivitäten und geschlossene Ringe informiert. Das geschieht in Form einer Notification, auf die man per iMessage reagieren kann. In iMessage wird so eine Reaktion mit einem Verweis auf z.B. die ursprüngliche Aktivität visualisiert. Das Ganze ist ziemlich witzig, da der iMessage-Dialog hier zusätzlich zu den normalen Textvorschlägen für schnelle Kommunikation mit der Uhr (Floskeln wie “Ich melde mich später.” oder “Ich kann gerade nicht sprechen.”) einen erstaunlich breitgefächerten Fundus an Trash-Talk aufweist. Nicht nur weil es sogar kontextsensitive Bausteine sind (bei einem kurzen Lauf bekommt man den Vorschlag die Emojis für “Couch” und “Kartoffel” zu schicken, bei einem längeren Lauf z.B. eher “Das kann ich besser!” o.ä.) wird es nicht langweilig, sich immer wieder möglichst dümmliche Reaktionen zu senden.8 Benachrichtigungen von befreundeten Watch-Usern. Trash-Talk in den Antwort-Vorschlägen.

Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, einen expliziten Wettbewerb über sieben Tage mit einer bestimmten Person zu starten. Durch möglichst gutes Füllen der Ringe kann dann jeder eine bestimmte Zahl an Punkten pro Tag erreichen und am Ende der Woche gewinne ich. Komischerweise will niemand mit mir spielen. 🤷🏻‍♂️ Ich bin der Beste.

Sonstiges

Noch ein paar unsortierte Gedanken:

Es ist absolut lächerlich, dass die Watch kein AirPlay unterstützt, sondern Audio ausschließlich per Bluetooth spielen kann. Ich kann immer noch nicht fassen, dass das nicht in Reviews erwähnt wird.

Beim Navigieren mit Apple Maps9 vibriert die Uhr, wenn man Abbiegen muss. Und man spürt die Vibration ganz eindeutig links oder rechts, je nachdem in welche Richtung es weitergeht. Die Präzision der Vibrationsmotoren begeistert mich immer noch, das fühlt sich wirklich nach Zukunft an.

Für Third-Party-Software ist es nach wie vor nicht ganz leicht. Ich höre meine Podcasts beispielsweise mit Overcast, und der Sync sollte vollautomatisch funktionieren. Uhr und iPhone sind oft und lang genug direkt nebeneinander am Ladegerät, trotzdem muss ich permanent manuell eingreifen und den Sync überwachen, damit ich nicht auf einmal ohne Podcasts auf der Uhr dastehe.10

Die Uhr gratuliert zum Geburtstag!11 (Und an Neujahr gibt’s Feuerwerk.) Luftballons zum Geburtstag.

Eines meiner absoluten Lieblings-Features der Uhr hatte ich vorab gar nicht auf dem Schirm: Ich kann mit ihr meinen Mac entsperren. Die Uhr muss dazu mit Passcode gesichert sein, wodurch sie sich automatisch selbst sperrt, wenn ich sie vom Handgelenk nehme. Entsperre ich die Uhr am Handgelenk (entweder per Passcode, oder – genialerweise – indem ich das verbundene iPhone entsperre) bleibt sie entsperrt, bis ich sie wieder ablege und kann währenddessen den Rechner entsperren, ohne dass ich wie ein Neandertaler TouchID nutzen oder gar mein Kennwort eintippen muss. Absolutes Killer-Feature und um Lichtjahre praktischer als TouchID am Mac.12

Benachrichtigung wenn verbundener Rechner entsperrt wird, Lockscreen der Watch.

Die Walkie-Talkie-Funktion ist ein cooles Gimmick. Durch die Funktionsweise (wirklich genau wie bei einem Walkie-Talkie) besetzt es einen interessanten Platz zwischen moderner Sprachnachricht und altertümlichem Telefonat.

Fazit

Die ersten sechs Monate mit der Uhr waren ein Auf und Ab. Missen möchte ich sie auf keinen Fall mehr, sie ist jeden Tag eine Bereicherung. Und dennoch regelmäßige Quelle von Frustration. Ganz klar ein echtes Apple-Produkt.


  1. Wohlgemerkt: Ich spreche natürlich von den Upgrades, nicht den Geräteklassen an sich. Ein kompletter Verzicht auf zumindest das iPhone ist undenkbar.
  2. Bitte hört euch diese Podcast-Folge an und schlaft genug.
  3. Es gibt mittlerweile zwar immer mehr Laufuhren, auf welche sich Musik überspielen lässt, aber da ein sauberer Sync von Playcounts und Podcast-Hörfortschritt u.ä. für mich sehr wichtig ist, war dieser Schritt – wenn überhaupt – nur mit der Watch möglich.
  4. Ich habe immer erst danach erwähnt, wenn ein Telefonat mit der Uhr stattgefunden hat, alle Gesprächspartnerinnen waren überrascht und haben gesagt, dass kein qualitativer Unterschied hörbar ist.
  5. Der Apple-Support kann remote – nach meiner Zustimmung dazu – einen Button in den Einstellungen des mit der Uhr gepairten iPhones sichtbar machen, über welchen ich dann die Freigabe der Debugging-Informationen meiner Watch initiiere. Danach sehe ich innerhalb der iPhone-Einstellungen den Fortschritt davon, der Support-Kontakt bestätigt mir, dass er bereits erste Daten sichtet und die Übertragung bald abgeschlossen sein sollte. Und das direkt beim Erstkontakt zu diesem Problem, innerhalb von ca. 5 Minuten. Beeindruckend.
  6. Der Lazy Wii Guy lässt grüßen.
  7. Sogar die Android-User!
  8. Besonders witzig finden wir Kindsköpfe es mittlerweile aber gar nicht die speziellen Fitness-relevanten Vorschläge zu nutzen, sondern einfach völlig kontextfrei mit Standard-Floskeln wie “Kann ich dich später zurückrufen?” oder “Ich bin auf dem Weg.” zu reagieren.
  9. Ich hatte noch nie Probleme mit Apple Maps und Google Maps ist seit Jahren nicht mehr als App auf meinem iPhone.
  10. Must be fun to develop for it, too.
  11. Und sie hat nicht mal einen Facebook-Account, der sie daran erinnert. Faszinierend!
  12. Vor allem in der Arbeit ist mein Rechner zu 90% zugeklappt und der TouchID-Sensor ist gar nicht erreichbar. Die Uhr spart mir jeden Tag mehrere Minuten.